„Ich kämpfe um die Reputation von Kunststoff.“

Der Künstler Ottmar Hörl im Gespräch

400 Fontanes, 500 Beethovens, 600 Nürnberger Madonnen: Ottmar Hörl ist bekannt für seine monumentalen Skulpturen aus Kunststofffiguren. Kaum eine Künstlerkarriere enthält mehr Kunststoff als seine. Und kaum ein Künstler sagt der elitären Preispolitik der Kunstwelt so konsequent den Kampf an.

Ob Hartplastik oder Formkunststoff, wetterbeständig, unkaputtbar, monochrom oder farbstark, aus welchem Stoff, aus welchem Kunst-Stoff, sind eigentlich die Hörl-Figuren?

Das ist unterschiedlich. Ich habe in den letzten 40 Jahren schon riesige Skulpturen aus Kunststoffmülleimern und Schwerlastpaletten gebaut. Kunststoff war für mich schon immer ein Stoff des 20. und 21. Jahrhunderts. Das ist ein Material, das du als Bildhauer verwenden kannst, nicht mehr Stahl und Bronze und Marmor. Und deshalb habe ich sehr viele Fertigprodukte aus Kunststoff in größere skulpturale Konzeptionen gebracht.

 

Also so wie Marcel Duchamp mit seinem Flaschentrockner?

Duchamp hat nur den Flaschentrockner zur Kunst erklärt. Ich habe aus 50 Mülleimern ein großes Gebäude gebaut oder aus vier rostroten Schwerlastpaletten von der Bundesbahn ein Triptychon. Ich habe den Kunststoff immer inhaltlich genutzt.

 

Wenn man über Skulpturen spricht, dann denkt man traditionell an Materialien wie Bronze, Marmor, Holz, Metall und Stein. Hat Kunststoff als Material eine andere Wertigkeit für Händler, für Sammler oder für Kunstkritiker?

Ja klar, ich kämpfe seit 40 Jahren um die Reputation von Kunststoff. Ich bin in einer Welt groß geworden, die von Kunststoff dominiert ist und nicht von Bronze. Das ist ein Material der Renaissance. Ich will mit modernen Materialien arbeiten, die wir jetzt in unseren Lebenszusammenhängen brauchen und benutzen.

Albert Einstein Skulptur, Ottmar Hörl: www.ottmar-hoerl.de, Fotograf: Cornelius Bierer

© www.kultur-in-hessen.de, Fotograf: Oliver Zarski, Keltenfürst Skulptur, Ottmar Hörl: www.ottmar-hoerl.de

Ludwig II. Skulptur, Ottmar Hörl: www.ottmar-hoerl.de, Fotograf: Wolfgang Günzel

Wir produzieren im Jahr allein in Deutschland 105.000 Tonnen Kunststoffmüll. Kann man da guten Gewissens mit diesem Werkstoff arbeiten oder muss man sagen: Es gibt doch auch so etwas wie eine Umweltbilanz für Kunst?

Wenn Ihnen ein Ersatz einfällt für Kunststoff, soll es mir recht sein, aber ich habe kein Problem damit. Ich finde diesen Stoff zur Herstellung von Kunstwerken sehr geeignet. Man kann ihn draußen hinstellen, er ist günstig. Weltweit bin ich einer der ganz wenigen Künstler, die so vehement mit diesem Material arbeiten. Und ich habe da kein schlechtes Gewissen. Ich bin der Meinung, man sollte keine Plastiktüten aus den billigsten Kunststoffen herstellen, die sich dann auflösen. Die Anteile von Kunststoffen in der Kosmetik, das ist auch ein Problem. Aber damit muss ich mich nicht beschäftigen, denn mit meinen Kunstwerken putzt sich niemand die Zähne oder versucht sie zu essen. Dass die Meere voll sind mit Plastiktüten, das betrifft mich nicht. Die Kunststoffe, die ich verwende, landen nie im Meer. Schwerlastpaletten werden nicht ins Meer geworfen, sondern recycelt. Ich benutze meistens recycelbare Kunststoffe, auch für die Figuren. Man muss vor Kunststoff keine Angst haben, er ist Teil unseres Lebens. Wir können das kritisch sehen, aber Stahlwerke kann man auch kritisch sehen.

 

Jetzt geht es an die Fertigung. Wie entsteht so ein Beethoven für das Beethovenjahr 2020 in Bonn? Ich nehme an, er wird gegossen?

Es gibt erst ein Tonmodell. Das Tonmodell nehme ich mit einer Silikonform ab und gieße dann ein Wachsmodell. Dieses Wachsmodell kann ich noch feiner bearbeiten als Ton. Die meterhohe Figur wird mit einer Kupfer-Nickel-Schicht bedampft. Das ergibt die spätere Gussform für ein Schleudergussverfahren. In die Form wird bei hoher Hitze Kunststoffgranulat geschüttet. Das wird flüssig und durch Schleudern in allen Ritzen der Form verteilt. Dann wird die Figur noch weich mit Vakuum aus der Form gezogen. Erst wenn sie draußen erkaltet, ist die Skulptur stabil. Dann wird sie von innen ausgeschäumt, damit sie auch drinnen stabil bleibt, zum Beispiel bei hoher Sonneneinstrahlung.

 

Sie arbeiten aber mit Handwerkern zusammen, die Sie dabei unterstützen – Sie gießen nicht 500 Beethovens manuell selbst.

Ich kann das gar nicht selber machen. Der Schleuderguss ist ein sehr komplexes Verfahren. In Neustadt bei Coburg steht die einzige Firma, die hier den riesigen Ofen für diese großen Figuren hat. Wenn der ausfällt, kann ich nichts mehr machen.

Foto: © Simeon Johnke

Foto: © Werner Scheuermann

Foto: © Simeon Johnke

Wir hatten vorhin gesagt: Eine Figur aus Kunststoff ist etwas anderes als eine Skulptur aus Marmor. Für Ihren Richard Wagner muss ich schon 500 Euro zahlen, um den unsigniert zu bekommen. Wie sieht die Wertentwicklung aus, was kann man einem Sammler versprechen?

Ich würde bei Kunst gar nicht mit Wertsteigerung operieren. Mich interessiert nur, dass jeder Mensch sich eine Skulptur kaufen kann. Auf einer Kunstmesse finden Sie bis 500 Euro gar nichts. Bei den Projekten in den öffentlichen Räumen arbeite ich für alle Menschen und nicht nur für die drei Prozent, die in Galerien gehen und sich im Kunstbetrieb aufhalten.

 

Der Sponti ist etwas günstiger, den hätte ich im Online-Shop schon für 50 Euro haben können. Es besteht also immer die Möglichkeit, sich einen Hörl zu kaufen – und es muss ja nicht immer ein Wagner oder ein Beethoven sein.

Das war die Idee. Eine Krankenschwester, die 1.500 Euro im Monat verdient, wird nicht ein Monatsgehalt für die mittelmäßige Zeichnung eines Studenten hinlegen. Bei mir gibt es Skulpturen, die kosten 10 Euro – und welche, die kosten 500 Euro. Das hat mit den Herstellungskosten zu tun. Ich habe eine Kalkulation wie Ihr Schlossermeister. Um einen Beethoven zu gießen, muss ich erst mal ungefähr 17.000 für den Bau der Form einsetzen. Und das Gießen ist relativ teuer. Wenn Sie dann so kalkulieren, dass ein Drittel an den Hersteller geht, ein Drittel an den Händler und ein Drittel an mich, dann sind Sie bei einem Preis von 400 bis 500 Euro. Der Beethoven ist allerdings sehr viel günstiger, der kostet 350 Euro. Der Wagner ist deswegen so teuer, weil es vier Formen gibt: Eine für den Kopf, eine für den Körper und zwei für die Hände. Die werden alle gegossen und später zusammengesetzt. Die Hersteller rechnen mir die Figuren nach Kilogramm ab und nach Schwierigkeit. Meine Kunst hat mit Wertsteigerung nichts zu tun.

 

Kann man das eine Demokratisierung der Kunst nennen?

Das ist eine gewisse Demokratisierung in der Kunst, denn jeder kann sie sich leisten. Ich mache nicht eine Figur, um eine Figur zu verkaufen. Ich funktioniere nur auf Anfrage. Alle Figuren, die Sie von mir kaufen können, sind aus Projekten, aus Großinstallationen im öffentlichen Raum. Das ist die eigentliche Skulptur, die auf dem Münsterplatz in Bonn entstehen wird. Die Skulptur besteht aus 500 Beethovens.

 

Wenn man davon ausgeht, dass Beethoven immer als grimmiger, nie gut gelaunter Mensch dargestellt worden ist, dann erscheint er bei Ihnen geradezu wie ein fröhlicher Dandy, der durchs beginnende 19. Jahrhundert schleicht.

Beethoven war eine rheinische Frohnatur. Einen Menschen so zu stigmatisieren, dass er ständig übel gelaunt gewesen ist, ist doch absoluter Quatsch. Wenn man schlecht hört, kriegt man ab und zu schlechte Laune. Aber das Bild von Beethoven sollte sich verändern. Die Welt soll merken: Das ist ein sehr fleißiger, liebenswerter Mensch gewesen, der tolle Musik geschrieben hat, die bis heute überlebt. Wenn man so eine Musik schreibt, dann ist man kein schlecht gelaunter Mensch, das geht überhaupt nicht. Das wollte ich korrigieren.

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