Herr Gnaß zeigt Bilder aus der Unternehmensgeschichte

Tradition und Flexibilität

Ein ungleiches Paar?

Seit mehr als 70 Jahren steht die emco Group für höchste Qualität, Know-how und Produktinnovationen. Sieben Jahrzehnte, in denen aus einem kleinen Familienbetrieb eine weltweit agierende Unternehmensgruppe geworden ist. Wer ein solches Unternehmen, das über mehrere Generationen inhabergeführt war, leitet und dabei sowohl Traditionen pflegt als auch flexibel auf die Anforderungen der Zeit reagiert, muss zuweilen einen echten Spagat bewerkstelligen. Wir sprachen mit Christian Gnaß, geschäftsführender Gesellschafter der emco Group, der das Unternehmen federführend leitet, seit der Familienunternehmer Harald Müller 2015 verstarb. Gnaß ist bereits seit 2008 in der Unternehmensgruppe tätig und arbeitete eng mit Harald Müller zusammen, in dessen Sinne er die Geschicke der emco Group weiterhin lenkt.

 

Interview: Tradition und Flexibilität

Ein Gespräch mit Christian Gnaß,
Geschäftsführender Gesellschafter emco Group.

Herr Gnaß, Sie haben einmal gesagt: "Veränderungen sind unsere Kontinuität" - was genau meinen Sie damit?

Christian Gnaß: Ich glaube, dass es wichtig ist, sich als Unternehmen ständig anzupassen an neue Bedingungen, die der Markt stellt oder die die Kunden an uns herantragen. Veränderung ist wichtig, um ein modernes und innovatives Unternehmen zu bleiben - und das bezieht sich sowohl auf die Produkte als auch auf die Organisation einer Firma.

 

Was verbinden Sie mit dem Begriff Tradition - und was bedeutet Tradition für die emco Group?

Gnaß: Zunächst ist Tradition ein hohes Gut. Ich glaube, dass Werte, für die ein Unternehmen steht, Nachhaltigkeit brauchen. Wenn solche Werte über einen langen Zeitraum dauern und Traditionen bilden, dann ist dies auch ein Qualitätsmerkmal. Insofern halte ich Tradition durchaus für wichtig und bedeutend, aber Tradition allein bedeutet nicht, dass Veränderungen etwas Schlechtes sein müssen.

 

Welchen Einfluss hat das Hochhalten von Traditionen für das Selbstverständnis des Unternehmens und seiner Mitarbeiter*innen?

Gnaß: Wenn wir als wichtige Tradition bei der emco Group sehen, dass wir als inhabergeführtes Unternehmen Verantwortung übernehmen, dann ist es bei uns die Verantwortung für die Mitarbeiter, aber auch für die Region. So ist es auch in unserem Mission Statement formuliert. Da geht es um Unabhängigkeit, Familienunternehmen, Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Region - und das fasst in etwa auch unsere Verbundenheit zur Tradition zusammen. Es ist nach wie vor eine entscheidende Größe, dass wir ein Familienunternehmen sind. Die überwältigende Mehrzahl an Anteilen ist in Familienhand. Ich bin der einzige familienfremde Gesellschafter. Das ist dem Wunsch geschuldet, eine gewisse Kontinuität in der Führungsmannschaft beizubehalten. Sollte ich irgendwann einmal nicht mehr Gesellschafter sein, werden meine Anteile wieder an die Familie zurückgehen. Das Unternehmen wird geschlossen in Familienhand bleiben, solange alle Anteilseigner darüber Einigkeit bewahren. Deshalb ist die Familie auch nach wie vor im Unternehmen sehr wichtig. Wenn ich hier Entscheidungen zu treffen habe, die im Gesellschafterkreis verankert sein müssen - beispielsweise das Abstoßen von Geschäftsbereichen, das Zukaufen neuer Firmen, Akquisitionen, große Rechtsgeschäfte -, dann stimmen wir diese im Gesellschafterkreis ab. Es gibt quartalsmäßige Meetings, aber wir treffen uns auch zwischendurch. Die Witwe des verstorbenen Harald Müller und auch seine Töchter sind regelmäßig hier bei mir. Insofern bewegen wir uns auch heute noch in der Tradition, die besagt, dass alle grundlegenden Entscheidungen im Familienkreis getroffen werden.

Wie schafft man es, Traditionen zu bewahren, ohne zu sehr im Alten verhaftet zu bleiben?

Gnaß: Ich denke, man muss ständig hinterfragen, ob eine Tradition noch anwendbar ist. Wenn eine Tradition zur Erinnerung wird, ist sie nicht schlecht, aber sie sollte dann kein Leitmotiv mehr in der Führung eines Unternehmens sein. Insofern bewahren wir das, was nachhaltig ist und über einen längeren Zeitraum Erfolg verspricht und legen ad acta, was zu seiner Zeit gut gewesen ist.

 

Flexibilität ist wichtig, um am Markt bestehen zu können: In den vergangenen Jahrzehnten kamen neue Geschäftsbereiche zur Unternehmensgruppe dazu, andere wurden „abgestoßen“. Kann Flexibilität auch schädlich sein?

Gnaß: Flexibilität kann dann schädlich sein, wenn sie zur Beliebigkeit wird – wenn Sie sich jedem Trend, jedem Zeitgeist, jeder Denkrichtung anzupassen versuchen und damit ein Stück weit Ihre Identität verlieren. Das darf nicht passieren. Dennoch halte ich die Veränderungsfähigkeit eines Unternehmens für enorm wichtig. Wir schauen jetzt auf 72 Jahre emco Gruppe zurück und haben in dieser Zeit weit mehr Unternehmensbereiche behalten als wir abgegeben haben. Wir haben hier gerade erstmalig so eine Veränderung durchgeführt – und das ist im Rahmen einer strategischen Entscheidung zustande gekommen, mit der wir unsere Zukunftsfähigkeit verbessern möchten.

 

Die emco Group ist mit Standorten in unterschiedlichsten Ländern vertreten – wie wichtig sind dort die Werte „Tradition“ und „Flexibilität“?

Gnaß: Unsere Unternehmenswerte – und damit die einhergehende Identifikation – gilt überall. Wenn Sie ein emco-Unternehmen in Frankreich betreten, in China, in Tschechien oder in der Türkei, dann wissen Sie genau, wo Sie sind. Da werden Werte wie Sauberkeit und Ordnung gelebt, aber auch die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern ist durchaus gelebte Größe. Und das hat nichts mit der Region zu tun. Grundsätzlich sagen wir auch: Wir stehen zu den Standorten, die wir heute haben. Wir sind in China und wandern nicht nach Vietnam ab. Wir sind in Tschechien – und sind von da aus nicht nach Rumänien gegangen, nur weil es dort aufgrund der Lohnkostenentwicklung gegebenenfalls Vorteile gegeben hätte. Für uns ist es wichtiger, dass wir Personal haben, das den Umgang mit unseren Produkten gut kennt. Schließlich stellen wir ausschließlich Premiumprodukte her. Wir bewegen uns stets im eher hochpreisigen Bereich. Aus diesem Grund ist die handwerkliche Fähigkeit, die die Mitarbeiter mitbringen, durchaus ein hohes Gut. Ein weit höheres als ein Cent, den Sie bei Lohnkosten einsparen können.

Hat es schon Situationen gegeben, in denen Sie bewusst für das eine und gegen das andere entscheiden mussten? Wenn ja, welche?

Gnaß: Im jetzt vollzogenen Tausch der Geschäftsbereiche Klimatechnik gegen Matten haben wir mit einer langjährigen Tradition gebrochen. Gleichzeitig haben wir auch mit einer langjährigen Feindschaft ein Ende gemacht. Wenn Sie Geschäftsbereiche tauschen können, sind sie auch mindestens in diesen Bereichen Wettbewerber - insbesondere, wenn beide Unternehmen im selben Ort beheimatet sind. Dann sind Sie bei allem Respekt füreinander erbitterte Wettbewerber. Ganz deutlich haben sich hier beide Unternehmen stärker ins Zeug gelegt, als wenn es gegen irgendeinen Wettbewerber aus Süddeutschland oder aus Frankreich oder wo auch immer gegangen wäre. Insofern haben wir mit einer Tradition gebrochen und stattdessen die Flexibilität und auch die Zukunftsausrichtung in den Vordergrund gestellt. Es ist nicht so, dass wir Entscheidungen der Tradition unterordnen, sondern wir ordnen Entscheidungen der Sinnhaftigkeit unter.

 

Worauf führen sie die hohe Unternehmenstreue der Mitarbeiter zurück?

Gnaß: Unsere Region, das Emsland, war früher nicht gerade ein industrialisiertes Gebiet. Wer hier einen Arbeitsplatz gefunden hatte, der blieb seinem Arbeitgeber treu. Heute ist es so, dass man sich durchaus bemühen muss, ein Arbeitsklima zu bieten, das den Mitarbeitern angenehm ist und es ihnen schmackhaft macht, dauerhaft in einem Unternehmen zu verbleiben. Das Ganze ist ein Stück weit gewachsen und hat wohl mit der Historie in der Region zu tun - und wir untermauern die Entwicklung durch eine ganze Reihe von Maßnahmen, um die Firma attraktiv zu machen. Wir sind als "demografiefest" zertifiziert. Wir sind ein inklusiver Betrieb. Wir haben die Familienfreundlichkeit als Auditierung durchgeführt. Wir finanzieren Fitnessprogramme für unsere Mitarbeiter. Wir haben Sportgruppen, die wir unterstützen. Wir haben hier ein Sozialpaket eingeführt und überführen Einsparungen, die das Unternehmen auf der Sozialabgabenseite macht, eins zu eins in das Rentenkonto unserer Mitarbeiter, sodass wir im Grunde keinen Vorteil davon haben, der Mitarbeiter nachher aber eine bessere Altersvorsorge hat. Es ist zum einen das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Firma und Mitarbeiter, für das dieses familiengeführte Unternehmen sicher auch steht, und zum anderen das attraktive Paket, das uns als modernen Arbeitgeber ein Stück weit abhebt von anderen. Das alles führt dazu, dass die Leute gerne hier arbeiten und lange bleiben.

Die emco Group ist eine Größe in der Stadt und der Region - das ist wohl auch auf die Tradition des Kultursponsorings zurückzuführen ...?!

Gnaß: Unser Hauptgesellschafter Harald Müller war ein großer Liebhaber klassischer Musik und hat es als eine Art gesellschaftlicher Verpflichtung empfunden, etwas zurückzugeben an die Stadt, an die Region, an die Mitbürger - daher hat er frühzeitig angefangen, Konzerte zu organisieren und zu sponsern. Daraus hat sich eine Veranstaltungsreihe entwickelt. Als Harald Müller die Gelegenheit hatte, eine zum Abriss freigegebene Garnisonskirche zu pachten, hat er das gemacht und darin ein Kulturforum eröffnet, das Kulturforum St. Michael, das kulturell und intellektuell vom gleichnamigen Kulturverein gesteuert und komplett von der emco Gruppe finanziert wird. Heute ist dort ein Programm etabliert mit anspruchsvollen Konzerten, aber auch hochwertigem Schauspiel. Bemerkenswert ist übrigens auch, dass wir Träger des höchstdotierten privaten Jugendkulturpreises in Deutschland sind, den wir alle drei Jahre vergeben. Im kulturellen Bereich kommen also Tradition und Flexibilität zusammen, Kultur, Verwandtschaft, Kulturnähe. Da geben wir auch etwas an die Mitarbeiter zurück, aber ich will nicht verschweigen, dass auch ich sehr gerne zu den Veranstaltungen gehe.

 

Tradition ist vielfach auch in den Produkten sichtbar - dies gilt insbesondere für den Geschäftsbereich Novus.

Gnaß: Der älteste Geschäftsbereich, Novus Bürotechnik, ist ein Bereich, der über extrem langlebige Produkte verfügt. Auf meinem Schreibtisch sehen Sie einen Hefter, der auf eine Erfindung von Unternehmensgründer Erwin Müller zurückgeht. Er ist der Erfinder des Springfachhefters - und wir bauen dieses Gerät heute noch. Es ist übrigens aufgrund seines zeitlosen Designs auch im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. So eine Technik hatte es vorher nicht gegeben. Apropos: Wir stellen auch die Klammern für die Hefter selbst her - die Fertigungstiefe in unserem Haus liegt bei weit über 90 %. Das ist für ein Unternehmen dieser Größe durchaus unüblich. Auch das ist etwas, was dieses Unternehmen einmalig macht. Außerdem ist es für uns absolut maßgeblich, dass wir jedes Jahr eine Verbesserung, ein neues Design oder einen höheren Technisierungsgrad in unsere Produkte mit einbringen, um damit letztendlich auch up to date zu bleiben.

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